Stadtrepräsentationen

Stadtrepräsentationen

Bildliche Darstellungen von Städten aus der römischen Kaiserzeit finden sich in diversen Varietäten auf unterschiedlichsten Materialien: Fresken, Mosaiken und Wandmalereien verewigen zeitgenössische Stadtbilder, aber auch Münzen, Elfenbeinarbeiten oder tönernen Öllampen weisen dieses Motiv auf. Neben der Darstellung einzelner Gebäude – häufig Tempel, Säulenhallen oder Spielstätten – sticht insbesondere die der befestigten Stadtgrenze ins Auge, vor allem durch ihre charakteristischen zinnenbewehrten Mauern, Tore und Türme. Als schematisierter Ring oder Rechteck umschließt ein im Verhältnis stark vergrößerter Mauerkranz häufig das aus der Vogelschau betrachtete Stadtinnere und wird damit geradezu zu einem antiken Piktogramm für „Stadt“.

Im Osten des Imperiums: Die Tyche von Antiocheia am Orontes

Tyche
Seit dem frühen Hellenismus gilt die Tyche – ursprünglich Sinnbild des Schicksals oder Glücks – als Personifikation einer Stadt. Die „Stadttyche“ aus Antiocheia am Orontes (Antakya, Türkei) datiert Marion Meyer zufolge wohl auf kurz nach 300 v. Chr. und verweist auf die topographischen Eigenheiten eines der Hauptorte des Seleukidenreiches. Der Felsen, welcher der Gottheit als Sitz dient, entspricht dem Stadtberg Silphios; der Jüngling zu ihren Füßen gilt als Personifikation des Flusses Orontes und die Getreideähre in ihrer Hand symbolisiert die Fruchtbarkeit des städtischen Umlandes. Die sogenannte Mauerkrone wiederum dient als Chiffre für die Befestigungsanlagen der Stadt. Die Langlebigkeit und die weite Verbreitung dieser Tyche lässt sich außer anhand Antiochener Münzen aus augusteischer Zeit auch an dieser etwa 89 cm hohen Marmorstatue aus Rom festmachen, die heute in der Galleria dei Candelabri der Vatikanischen Museen aufgestellt ist. Es handelt sich um eine kaiserzeitliche Kopie des frühhellenistischen Originals mit allen ursprünglich auf Antiocheia zu beziehenden Attributen.

Die Stadt als Relief: Torlonia

Torlinia Relief
Was zeichnete eine Stadt aus? Diese Frage scheint eine Reihe von Relieffragmenten zu beantworten, welche in den 1870er Jahren im Zuge der Trockenlegung des rund 70 km östlich von Rom gelegenen Lago Fucino zu Tage kamen und seither in der Sammlung des Palazzo Torlonia im nahegelegenen Avezzano aufbewahrt werden. Das besterhaltene Relief zeigt die Ansicht einer Stadt mitsamt ihrem Umland, das stets mitzudenken ist. Die Stadt wird von diesem durch eine Mauer aus isodomen Blöcken abgeschirmt, die mit Zinnen versehen ist und ein bogenförmiges Stadttor aufweist. Die Anordnung der Häuser, von denen nur die Front zu sehen ist, legt wiederum ein orthogonales Straßensystem nahe; oben links ist ein Theaterbau zu erkennen. Das Umland, zu dem auch die Vorstadt, das suburbium gehörte, ist hier zuvörderst ländlich ausgestaltet – mit Baumbewuchs und Flusslauf. Dem Betrachter fallen aber auch eine Villa sowie einzelne Tempel bzw. Grabmäler ins Auge. Wahrscheinlich entstand das Relief nicht weit vom Fundort im Zuge einer Ausbauphase von Alba Fucens unter Claudius in den frühen 40er Jahren.
Trachdrachme mit Tyche

Augusteische Tetradrachme aus Antiochia (2 v. Chr.) mit Tyche auf dem Revers: RPC I 4155

Im Westen des Imperiums: Die "Tyche" von Italica

Tyche
Die aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende „Stadttyche“ trat als Typus in Varianten auf: Statt einer Getreideähre konnte die Göttin – nunmehr als Fortuna anzusprechen – auch ein Füllhorn im Arm halten, doch blieb ihre Kopfgestaltung ein charakteristisches Element. Sie ermöglichte die Bestimmung eines Marmorkopfes mit weiblichen Zügen, der 1972 in den Ruinen von Italica (Santiponce, Sevilla) im Südwesten Spaniens gefunden wurde und heute im Archäologischen Museum von Sevilla aufbewahrt wird. Der 60 cm hohe und 38 cm breite, also überlebensgroße und daher wohl einem Kultbild zugehörige Kopf trägt deutlich sichtbar über einem Diadem einen zylindrischen Aufsatz, der aufgrund der Zinnen, Torbögen und der Andeutung von Quadern leicht als Mauerkrone auszumachen ist. Stilistisch legen die Ausführungen des Gesichts und der Frisur der Tyche Parallelen zu den Koren (Mädchenstatuen) nahe, die Hadrian in seiner weitläufigen Villa in Tibur (heute Villa Adriana in Tivoli) bei Rom aufstellen ließ. Damit lässt sich der Kopf in die Regierungszeit dieses Kaisers datieren.
Bildnachweise:

Torlonia Relief - Sammlung Torlonia di Antichità del Fucino, Inv. 67504: Relief mit Ansicht einer Stadt und ihres Umlandes. Deutsches Archäologisches Institut Rom: D-DAI-ROM-79-2757, Fotograf: Helmut Schwanke; Tetradrachme aus Antiochia, unter: Wikimedia; Tyche von Antiochia, unter: Wikimedia